Der Begriff Wirklichkeit gehört zu den grundlegendsten und zugleich schwierigsten Begriffen der Philosophie. Im alltäglichen Sprachgebrauch scheint seine Bedeutung zunächst selbstverständlich zu sein: Wirklich ist das, was existiert, was tatsächlich geschieht oder was unabhängig von bloßer Vorstellung, Fantasie und Täuschung vorhanden ist. Aus metaphysischer Sicht reicht diese einfache Bestimmung jedoch nicht aus. Die Metaphysik fragt nicht lediglich danach, welche einzelnen Dinge wirklich sind, sondern danach, was Wirklichkeit überhaupt bedeutet, wodurch etwas wirklich ist und welche grundlegende Struktur allem Seienden zugrunde liegt.
Damit führt die metaphysische Betrachtung der Wirklichkeit unmittelbar zu Fragen nach Sein, Existenz, Möglichkeit, Ursache, Substanz, Veränderung, Zeit, Raum, Geist und Materie. Sie untersucht nicht nur die sichtbare und messbare Welt, sondern fragt nach den Voraussetzungen, die eine solche Welt überhaupt ermöglichen. Wirklichkeit wird dadurch zu einem philosophischen Grundproblem: Ist sie ausschließlich materieller Natur? Existiert eine geistige Dimension der Wirklichkeit? Ist das, was wir wahrnehmen, bereits die Wirklichkeit selbst oder lediglich ihre Erscheinung? Und gibt es möglicherweise Ebenen des Wirklichen, die sich der unmittelbaren sinnlichen Erfahrung entziehen?
1 Wirklichkeit und Sein
Eine der wichtigsten metaphysischen Verbindungen besteht zwischen den Begriffen Wirklichkeit und Sein. Wenn etwas wirklich ist, sprechen wir ihm in irgendeiner Weise Sein zu. Doch bereits hier entsteht ein grundlegendes Problem. Was bedeutet es eigentlich, dass etwas „ist“?
Ein Stein ist. Ein Gedanke ist ebenfalls in irgendeinem Sinne vorhanden. Eine Erinnerung besitzt eine andere Form des Seins als ein physischer Gegenstand. Auch mathematische Strukturen, Möglichkeiten, Beziehungen oder abstrakte Begriffe werfen die Frage auf, welche Art von Wirklichkeit ihnen zukommt. Die Metaphysik versucht deshalb, unterschiedliche Seinsweisen voneinander zu unterscheiden.
Wirklichkeit kann aus dieser Perspektive nicht ohne Weiteres mit materieller Existenz gleichgesetzt werden. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die materielle Welt eine fundamentale Ebene des Wirklichen darstellt, bleibt zu erklären, welchen ontologischen Status beispielsweise Bewusstsein, Gedanken, Bedeutungen oder mathematische Wahrheiten besitzen.
Die Frage nach der Wirklichkeit führt damit zur Ontologie, also zur philosophischen Lehre vom Seienden als Seiendem. Ontologie fragt danach, welche grundlegenden Arten von Seiendem existieren und wie sie miteinander verbunden sind.
2 Die Wirklichkeit hinter den Erscheinungen
Ein klassisches Problem der Metaphysik besteht in der Unterscheidung zwischen Erscheinung und Wirklichkeit. Menschen begegnen der Welt zunächst durch ihre Wahrnehmung. Wir sehen Farben, hören Geräusche, empfinden Wärme und Kälte und erleben Gegenstände innerhalb von Raum und Zeit.
Doch entspricht diese wahrgenommene Welt unmittelbar der Wirklichkeit selbst?
Schon einfache Wahrnehmungstäuschungen zeigen, dass Wahrnehmung und Wirklichkeit nicht immer identisch sein müssen. Die metaphysische Fragestellung geht jedoch wesentlich weiter. Sie fragt, ob die gesamte erfahrbare Welt möglicherweise nur eine bestimmte Erscheinungsweise einer tiefer liegenden Wirklichkeit darstellt.
Damit entsteht eine der großen philosophischen Fragen:
Ist die Wirklichkeit so beschaffen, wie sie uns erscheint, oder erscheint sie uns lediglich so, weil unser Bewusstsein sie auf eine bestimmte Weise wahrnimmt und strukturiert?
Diese Frage begleitet die Philosophie seit der Antike und findet in unterschiedlichen philosophischen Traditionen sehr verschiedene Antworten.
3 Platon und die Wirklichkeit der Ideen
Bei Platon erhält die Unterscheidung zwischen Erscheinung und Wirklichkeit eine besonders weitreichende Bedeutung. Die sinnlich wahrnehmbare Welt ist für ihn durch Veränderung, Vergänglichkeit und Unvollkommenheit geprägt. Die eigentliche Grundlage der Wirklichkeit bilden dagegen die unveränderlichen Ideen oder Formen.
Ein konkreter schöner Gegenstand kann beispielsweise entstehen und vergehen. Die Idee des Schönen selbst ist jedoch nicht denselben Veränderungen unterworfen. Ähnlich verhält es sich mit Begriffen wie Gerechtigkeit, Gleichheit oder Wahrheit.
Die sinnliche Welt besitzt nach dieser Sichtweise durchaus Wirklichkeit, doch ihre Wirklichkeit ist nicht vollkommen aus sich selbst heraus verständlich. Sie verweist auf eine intelligible Ordnung, die nur durch geistige Erkenntnis erfasst werden kann.
Platons Philosophie macht damit deutlich, dass metaphysische Wirklichkeit nicht notwendigerweise auf das beschränkt werden muss, was sichtbar oder materiell greifbar ist.
4 Aristoteles: Wirklichkeit und Möglichkeit
Eine andere bedeutende metaphysische Perspektive entwickelt Aristoteles. Besonders wichtig ist dabei seine Unterscheidung zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, traditionell auch als Potenz und Akt bezeichnet.
Ein Samenkorn ist beispielsweise tatsächlich ein Samenkorn. Gleichzeitig besitzt es jedoch die Möglichkeit, sich zu einer Pflanze zu entwickeln. Die Pflanze ist im Samen nicht bereits vollständig verwirklicht vorhanden, dennoch besitzt der Samen eine reale Fähigkeit zu dieser Entwicklung.
Wirklichkeit bedeutet bei Aristoteles deshalb nicht bloß statisches Vorhandensein. Sie kann als Verwirklichung einer Möglichkeit verstanden werden.
Diese Vorstellung eröffnet eine dynamische Sicht auf das Sein. Wirklichkeit umfasst nicht nur das bereits Verwirklichte, sondern steht in Beziehung zu Möglichkeiten, Entwicklungen und Veränderungen.
Die Frage lautet damit nicht mehr ausschließlich:
Was ist?
Sondern ebenso:
Was kann etwas seinem Wesen nach werden?
Diese Verbindung von Möglichkeit und Wirklichkeit gehört bis heute zu den zentralen Problemen der Metaphysik.
5 Substanz als Träger der Wirklichkeit
Mit der Frage nach Wirklichkeit verbindet sich außerdem der Begriff der Substanz. Klassische metaphysische Theorien versuchen zu erklären, was einem Ding trotz seiner Veränderungen eine gewisse Identität verleiht.
Ein Baum verändert sich während seines gesamten Lebens. Er wächst, bildet neue Blätter, verliert Äste und verändert seine materielle Zusammensetzung. Dennoch betrachten wir ihn über einen bestimmten Zeitraum hinweg als denselben Baum.
Die Metaphysik fragt deshalb, worauf diese Identität beruht. Gibt es etwas, das den wechselnden Eigenschaften zugrunde liegt?
Der traditionelle Substanzbegriff versucht genau diese Frage zu beantworten. Substanz bezeichnet dabei nicht einfach einen bestimmten Stoff, sondern dasjenige, was in einem grundlegenden Sinne Träger von Eigenschaften und Veränderungen ist.
Damit berührt die Frage nach Wirklichkeit zugleich das Problem der Identität: Wie kann etwas dasselbe bleiben und sich gleichzeitig verändern?
6 Materielle und geistige Wirklichkeit
Eine der bedeutendsten metaphysischen Kontroversen betrifft das Verhältnis zwischen Materie und Geist. Der Materialismus oder Physikalismus vertritt in unterschiedlichen Formen die Auffassung, dass die grundlegende Wirklichkeit physischer Natur ist. Geistige Vorgänge müssen demnach letztlich in Beziehung zu materiellen beziehungsweise physikalischen Prozessen verstanden werden.
Der Idealismus setzt dagegen andere Schwerpunkte. In idealistischen Theorien besitzt Geist, Bewusstsein oder Erkenntnis eine fundamentale Bedeutung für die Struktur der Wirklichkeit.
Der Dualismus wiederum unterscheidet zwischen verschiedenen grundlegenden Bereichen, insbesondere zwischen geistiger und körperlicher beziehungsweise materieller Wirklichkeit.
Diese Positionen zeigen, wie unterschiedlich die Antwort auf die Frage ausfallen kann:
Was gehört zur fundamentalen Wirklichkeit?
Ist Materie das Grundlegende und Bewusstsein daraus hervorgegangen? Ist Geist grundlegender als Materie? Oder müssen beide als unterschiedliche, aber miteinander verbundene Aspekte der Wirklichkeit verstanden werden?
7 Wirklichkeit und Bewusstsein
Besonders schwierig wird die metaphysische Frage, sobald das Bewusstsein betrachtet wird. Jeder Mensch erlebt die Wirklichkeit aus einer subjektiven Perspektive. Wir nehmen nicht einfach nur Gegenstände wahr, sondern erleben Farben, Gefühle, Gedanken, Erinnerungen und Bedeutungen.
Dadurch entsteht eine bemerkenswerte Situation: Das Bewusstsein scheint selbst Teil der Wirklichkeit zu sein und ist zugleich das Medium, durch das uns Wirklichkeit überhaupt zugänglich wird.
Wir können niemals vollständig aus unserer eigenen Perspektive heraustreten, um die Welt vollkommen unabhängig von jeder Form der Wahrnehmung zu betrachten. Selbst wissenschaftliche Beobachtungen werden durch Messinstrumente, Begriffe, mathematische Modelle und Interpretationen vermittelt.
Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass es keine vom Menschen unabhängige Wirklichkeit gibt. Vielmehr entsteht die erkenntnistheoretische und metaphysische Frage, wie eine unabhängig bestehende Wirklichkeit erkannt werden kann.
8 Objektive und subjektive Wirklichkeit
Im Zusammenhang mit dem Bewusstsein wird häufig zwischen objektiver und subjektiver Wirklichkeit unterschieden.
Objektive Wirklichkeit bezeichnet gewöhnlich dasjenige, was unabhängig von den individuellen Wahrnehmungen oder Meinungen einzelner Menschen besteht. Subjektive Wirklichkeit bezeichnet dagegen die persönliche Erlebniswelt eines Individuums.
Diese beiden Ebenen dürfen jedoch nicht vorschnell gegeneinander ausgespielt werden. Gefühle sind beispielsweise subjektiv erlebt, aber deshalb nicht unwirklich. Schmerz ist eine reale Erfahrung, auch wenn er nicht auf dieselbe Weise existiert wie ein Stein oder ein Tisch.
Die Metaphysik muss deshalb unterschiedliche Formen des Wirklichen berücksichtigen. Nicht alles, was wirklich ist, muss auf dieselbe Weise wirklich sein.
Gerade darin liegt eine wichtige philosophische Einsicht: Wirklichkeit kann verschiedene Seinsweisen umfassen.
9 Wirklichkeit und Wahrheit
Eng mit der Wirklichkeit verbunden ist der Begriff der Wahrheit. Eine klassische Vorstellung besagt, dass eine Aussage wahr ist, wenn sie mit der Wirklichkeit übereinstimmt.
Wenn behauptet wird, dass sich ein bestimmter Gegenstand an einem bestimmten Ort befindet, ist die Aussage wahr, sofern der entsprechende Sachverhalt tatsächlich besteht.
Doch diese scheinbar einfache Beziehung führt erneut zu grundlegenden Fragen. Wie können wir feststellen, ob unsere Vorstellungen mit der Wirklichkeit übereinstimmen? Haben wir unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit oder verfügen wir lediglich über Wahrnehmungen, Begriffe und Modelle?
Damit treffen sich Metaphysik und Erkenntnistheorie. Die Metaphysik fragt, was wirklich ist; die Erkenntnistheorie untersucht, wie wir darüber Wissen erlangen können.
10 Raum und Zeit als Strukturen der Wirklichkeit
Auch Raum und Zeit gehören zu den großen metaphysischen Problemen. Im Alltag erscheinen sie als selbstverständliche Voraussetzungen unserer Existenz. Dinge befinden sich an bestimmten Orten, Ereignisse geschehen zu bestimmten Zeiten.
Doch was sind Raum und Zeit selbst?
Existieren sie unabhängig von den Dingen und Ereignissen? Oder entstehen räumliche und zeitliche Strukturen erst durch Beziehungen zwischen Dingen?
Noch grundlegender ist die Frage, ob Raum und Zeit Eigenschaften der Wirklichkeit an sich sind oder ob sie mit der Struktur menschlicher Wahrnehmung und Erkenntnis zusammenhängen.
Die moderne Physik hat diese Fragen zusätzlich verändert, weil Raum und Zeit nicht mehr selbstverständlich als vollkommen getrennte und unveränderliche Größen verstanden werden können. Dennoch bleibt die metaphysische Frage bestehen, welchen ontologischen Status Raum und Zeit besitzen.
11 Wirklichkeit und Kausalität
Die erfahrbare Welt erscheint uns außerdem als ein Netzwerk von Ursachen und Wirkungen. Ereignisse entstehen nicht vollkommen zusammenhangslos, sondern stehen in Beziehungen zueinander.
Metaphysisch stellt sich jedoch die Frage, was Kausalität eigentlich bedeutet.
Wenn ein Ereignis ein anderes verursacht, besteht zwischen beiden lediglich eine regelmäßige zeitliche Abfolge? Oder gibt es eine reale notwendige Verbindung zwischen Ursache und Wirkung?
Die Frage nach Kausalität führt wiederum zur Frage nach dem Aufbau der Wirklichkeit. Ist das Universum vollständig durch kausale Gesetzmäßigkeiten bestimmt? Gibt es echten Zufall? Gibt es Freiheit? Sind alle Ereignisse durch vorhergehende Zustände festgelegt?
Damit verbindet sich die Metaphysik der Wirklichkeit unmittelbar mit dem Problem des Determinismus und der Freiheit.
12 Notwendigkeit, Möglichkeit und Wirklichkeit
Eine besonders wichtige metaphysische Unterscheidung betrifft die Begriffe möglich, wirklich und notwendig.
Etwas ist wirklich, wenn es tatsächlich der Fall ist. Etwas ist möglich, wenn es der Fall sein könnte. Etwas ist notwendig, wenn es nicht anders sein kann.
Diese Unterscheidung bildet die Grundlage der sogenannten Modalmetaphysik. Sie beschäftigt sich mit Fragen wie:
Könnte die Welt grundsätzlich anders sein, als sie ist?
Welche Eigenschaften eines Gegenstandes sind notwendig und welche nur zufällig?
Könnten andere Naturgesetze existieren?
Gibt es Dinge, die notwendigerweise existieren?
Solche Fragen zeigen, dass die Metaphysik Wirklichkeit nicht nur als Summe tatsächlich vorhandener Dinge betrachtet. Sie untersucht auch den Raum des Möglichen und fragt danach, warum gerade bestimmte Möglichkeiten verwirklicht sind.
13 Wirklichkeit als Prozess
Nicht jede Metaphysik versteht Wirklichkeit als Ansammlung stabiler Dinge. In verschiedenen philosophischen Traditionen wird Wirklichkeit stärker als Prozess, Werden oder Ereignis interpretiert.
Bereits Heraklit betonte die fundamentale Bedeutung der Veränderung. In späteren Prozessphilosophien wird diese Vorstellung weiterentwickelt: Nicht unveränderliche Substanzen bilden demnach das eigentliche Fundament der Welt, sondern Vorgänge, Beziehungen und Entwicklungen.
Aus einer solchen Perspektive wäre Veränderung nicht etwas, das einer ursprünglich statischen Wirklichkeit lediglich widerfährt. Vielmehr wäre Veränderung selbst ein Grundmerkmal des Wirklichen.
Die Welt wäre dann weniger als eine Sammlung fertiger Gegenstände zu verstehen, sondern vielmehr als dynamisches Geflecht miteinander verbundener Prozesse.
14 Wirklichkeit als Beziehung
Moderne metaphysische Ansätze betonen häufig außerdem die Bedeutung von Relationen. Ein Ding ist möglicherweise nicht vollständig aus sich selbst heraus verständlich, sondern nur durch seine Beziehungen zu anderen Dingen.
Ein Mensch beispielsweise existiert biologisch, sozial, sprachlich und kulturell innerhalb zahlreicher Beziehungen. Auch physikalische Gegenstände besitzen Eigenschaften, die sich teilweise erst innerhalb bestimmter Relationen bestimmen lassen.
Dadurch entsteht eine relationale Sichtweise auf Wirklichkeit:
Vielleicht besteht Wirklichkeit nicht primär aus isolierten Dingen, sondern aus Beziehungen zwischen Seiendem.
Eine solche Perspektive verändert das klassische Bild einer Welt, die aus voneinander unabhängigen Substanzen zusammengesetzt ist.
15 Metaphysischer Realismus
Der metaphysische Realismus geht grundsätzlich davon aus, dass eine Wirklichkeit unabhängig davon existiert, ob Menschen sie wahrnehmen, beschreiben oder verstehen.
Ein Berg würde beispielsweise auch dann existieren, wenn kein Mensch ihn betrachten würde. Sterne existierten bereits lange vor dem Auftreten menschlichen Bewusstseins.
Diese Auffassung entspricht zunächst stark unserem alltäglichen Weltverständnis. Philosophisch entstehen jedoch schwierige Fragen, sobald erklärt werden soll, wie wir Zugang zu dieser bewusstseinsunabhängigen Wirklichkeit erhalten.
Unsere Erkenntnis erfolgt schließlich durch Wahrnehmungen, Sprache, Begriffe und Modelle. Deshalb muss der Realismus erklären, wie unsere Vorstellungen mit einer unabhängig bestehenden Wirklichkeit verbunden sind.
16 Die Grenzen menschlicher Erkenntnis
Eine metaphysische Theorie der Wirklichkeit muss schließlich berücksichtigen, dass menschliche Erkenntnis möglicherweise grundsätzliche Grenzen besitzt.
Der Mensch betrachtet das Universum nicht von einem neutralen Standpunkt außerhalb der Wirklichkeit. Er selbst ist Teil jener Wirklichkeit, die er zu verstehen versucht.
Unsere Wahrnehmungsorgane entstanden unter bestimmten biologischen Bedingungen. Unsere Begriffe entwickeln sich innerhalb von Sprache und Kultur. Wissenschaftliche Theorien verwenden Modelle, mathematische Strukturen und Abstraktionen.
Deshalb kann die Frage gestellt werden, ob Menschen die Wirklichkeit vollständig erkennen können oder ob jede Erkenntnis notwendigerweise perspektivisch bleibt.
Diese Einsicht muss jedoch nicht zu einem radikalen Skeptizismus führen. Auch begrenzte Erkenntnis kann echte Erkenntnis sein. Eine Landkarte bildet beispielsweise nicht jede Einzelheit einer Landschaft ab und kann dennoch zuverlässig Orientierung ermöglichen.
Ähnlich könnten wissenschaftliche und philosophische Modelle bestimmte Strukturen der Wirklichkeit erfassen, ohne die Wirklichkeit vollständig auszuschöpfen.
17 Naturwissenschaft und metaphysische Wirklichkeit
Die moderne Naturwissenschaft liefert äußerst erfolgreiche Beschreibungen der beobachtbaren Welt. Physik, Chemie, Biologie und andere Wissenschaften untersuchen Strukturen, Gesetzmäßigkeiten und Prozesse.
Die Metaphysik stellt jedoch teilweise andere Fragen. Sie fragt beispielsweise nicht nur, wie bestimmte Prozesse funktionieren, sondern auch, welche ontologischen Voraussetzungen wissenschaftliche Beschreibungen besitzen.
Was ist ein Naturgesetz?
Existieren mathematische Strukturen unabhängig vom menschlichen Denken?
Was bedeutet Kausalität?
Was ist Zeit?
Was bedeutet Identität über zeitliche Veränderungen hinweg?
Warum existiert überhaupt etwas?
Diese Fragen zeigen, dass Naturwissenschaft und Metaphysik nicht zwangsläufig Konkurrenten sein müssen. Sie bewegen sich teilweise auf unterschiedlichen Erklärungsebenen. Wissenschaft untersucht konkrete Strukturen der Welt, während Metaphysik versucht, grundlegende Begriffe und Voraussetzungen des Wirklichen zu verstehen.
18 Die Frage nach dem letzten Grund der Wirklichkeit
An ihrem äußersten Punkt führt die metaphysische Betrachtung zu einer der ältesten Fragen der Philosophie:
Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?
Diese Frage überschreitet die Untersuchung einzelner Gegenstände. Sie richtet sich auf die Existenz der Wirklichkeit als solcher.
Warum existiert ein Universum?
Ist die Existenz der Welt notwendig oder kontingent?
Benötigt Wirklichkeit einen letzten Grund?
Oder ist die Existenz des Universums eine Tatsache, die keiner weiteren Erklärung bedarf?
An dieser Stelle berühren sich Metaphysik, Kosmologie und Religionsphilosophie.
19 Wirklichkeit und Transzendenz
In religiösen und spirituellen Metaphysiken wird häufig angenommen, dass die empirisch erfahrbare Welt nicht die gesamte Wirklichkeit umfasst. Neben oder hinter der sichtbaren Welt wird eine transzendente Dimension angenommen.
In der klassischen christlichen Metaphysik besitzt beispielsweise Gott nicht einfach denselben ontologischen Status wie ein Gegenstand innerhalb des Universums. Gott wird vielmehr als letzter Grund des Seins beziehungsweise als Ursprung und tragender Grund der geschaffenen Wirklichkeit verstanden.
Eine solche Perspektive unterscheidet zwischen geschaffener Wirklichkeit und ihrem metaphysischen Grund.
Damit erhält die Frage nach Wirklichkeit eine religiöse Dimension: Die sichtbare Welt wäre nicht die letzte Erklärung ihrer selbst, sondern würde auf einen Grund verweisen, der über sie hinausgeht.
20 Wirklichkeit als philosophisches Grundproblem
Die metaphysische Betrachtung macht deutlich, dass der Begriff Wirklichkeit wesentlich komplexer ist, als es zunächst scheint. Wirklichkeit kann nicht einfach mit dem gleichgesetzt werden, was unmittelbar sichtbar, messbar oder materiell vorhanden ist. Vielmehr stellt sich die Frage nach unterschiedlichen Formen und Ebenen des Seins.
Dabei begegnen zahlreiche grundlegende Gegensatzpaare:
Sein und Werden,
Möglichkeit und Wirklichkeit,
Materie und Geist,
Subjekt und Objekt,
Erscheinung und Wesen,
Notwendigkeit und Kontingenz,
Endlichkeit und Unendlichkeit,
Immanenz und Transzendenz.
Gerade diese Spannungsverhältnisse machen den Begriff der Wirklichkeit zu einem zentralen Gegenstand metaphysischen Denkens.
21 Fazit: Wirklichkeit als offene metaphysische Frage
Aus metaphysischer Sicht bezeichnet Wirklichkeit nicht lediglich die Gesamtheit aller Dinge, die wir sehen oder messen können. Der Begriff verweist auf die umfassendere Frage nach dem Sein selbst: Was existiert, auf welche Weise existiert es und warum besitzt es überhaupt Wirklichkeit?
Die Metaphysik versucht deshalb, hinter die Selbstverständlichkeit des alltäglichen Wirklichkeitsbegriffs zurückzufragen. Sie untersucht die grundlegenden Strukturen, die allem Seienden zugrunde liegen könnten, und beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Materie und Geist, Möglichkeit und Verwirklichung, Raum und Zeit, Ursache und Wirkung sowie Erscheinung und Sein.
Dabei bleibt eine entscheidende Frage offen: Ist die Wirklichkeit vollständig durch das erfassbar, was Menschen beobachten und wissenschaftlich beschreiben können, oder besitzt sie Dimensionen, die unsere unmittelbaren Erkenntnismöglichkeiten überschreiten?
Gerade diese Offenheit macht die metaphysische Frage nach der Wirklichkeit philosophisch so bedeutend. Denn indem der Mensch nach der Wirklichkeit fragt, fragt er zugleich nach seiner eigenen Stellung innerhalb des Seins. Er ist nicht nur Beobachter der Welt, sondern selbst Teil jener Wirklichkeit, deren Ursprung, Struktur und Bedeutung er zu verstehen versucht.
Die metaphysische Beschäftigung mit Wirklichkeit führt daher letztlich zu einer fundamentalen Einsicht: Was uns im Alltag als selbstverständlich erscheint – dass überhaupt etwas wirklich ist –, gehört bei genauerer Betrachtung zu den tiefsten Rätseln menschlichen Denkens.